Mercedes ist nur das jüngste Beispiel für die tiefe Krise der Autoindustrie. Die chinesische Konkurrenz macht ordentlich Druck, deutsche E-Autos schwächeln. Und nun schwingt auch noch der neue US-Präsident die Zollkeule.
Jetzt also auch noch Mercedes-Benz. Um fast ein Drittel brach der Gewinn der Stuttgarter im vergangenen Jahr ein. Die deutschen Autobauer stecken in einer tiefen Krise. Mit den von US-Präsident Donald Trump angekündigten Autozöllen von bis zu 25 Prozent droht außerdem der nächste Schlag. Die Hersteller wird das nicht umbringen, doch am Autostandort Deutschland würde die Zollkeule tiefe Spuren hinterlassen.
Die Probleme bei Mercedes sind die gleichen wie bei allen deutschen Herstellern. Der Wettbewerb auf dem wichtigsten Einzelmarkt China wird seit Jahren immer schärfer. "Es gibt immer mehr chinesischer Hersteller, die immer innovationsstärker geworden sind", sagt Branchenexperte Stefan Bratzel im Gespräch mit ntv.de. "Und die Elektrifizierung schreitet in China noch schneller voran als gedacht." Inzwischen werde dort jedes zweite neu zugelassene Auto elektrisch angetrieben, davon seien 60 Prozent reine Stromer. Das heißt: Wer keine attraktiven Elektro-Modelle in verschiedenen Preisklassen anbieten kann, hat ein Problem.
Die Preise sind die dritte Schwäche der deutschen Hersteller. In China herrscht ein reger Preiskampf. "Viele Hersteller versuchen, über niedrige Preise Marktanteile zu gewinnen", erklärt Bratzel. Denn auf dem Markt tummeln sich inzwischen zahlreiche Spieler, die - vom chinesischen Staat gefördert - zudem Überkapazitäten aufgebaut haben, also mehr Produktionskapazitäten als sie voraussichtlich Autos verkaufen können.
USA sind wichtigster Exportmarkt
Mercedes etwa mit seinen hochpreisigen Modellen hat es da doppelt schwer. "Es gibt Wettbewerber, die deutlich günstigere Preise haben, zu ähnlicher Qualität", sagt Bratzel. Zum Beispiel Xiaomi: Als Smartphone-Hersteller gestartet, habe das chinesische Unternehmen innerhalb von einem Dreivierteljahr mehr als 130.000 Fahrzeuge seines ersten Automodells verkauft - "ein sehr attraktives Modell", meint der Branchenexperte, der das Center of Automotive Management an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach leitet.
Auch in Europa, insbesondere Deutschland, werden die deutschen Autobauer ihre E-Modelle nicht los wie erhofft. Hier nicht nur wegen der ausländischen Konkurrenz, sondern vor allem auch wegen der schleppenden Nachfrage. Darüber hinaus sind nun auch noch auf dem wichtigen US-Markt dunkle Wolken aufgezogen. "Auch dort wird die Elektromobilität unter Trump nicht so schnell vorangehen", erwartet Bratzel. "Und auf der anderen Seite drohen Strafzölle."
Die USA sind beim Export deutscher Fahrzeuge das wichtigste Abnehmerland. 13 Prozent aller deutschen Kfz-Exporte gehen nach Angaben der Deutschen Industrie- und Handelskammer dorthin. Gleichzeitig machen Kraftfahrzeuge und -teile mit gut 22 Prozent den größten Anteil an deutschen Industriegütern in die USA aus.
Bei Strafzöllen würde Produktion verlagert
Rund 400.000 Fahrzeuge pro Jahr werden aus Deutschland in die USA geliefert. Zwar betreiben deutsche Hersteller dort bereits Werke, BMW etwa hat seine weltweit größte Fabrik in South Carolina, Mercedes ein großes Werk in Alabama. Doch gerade die Produktion von Premiummodellen lässt sich wegen der geringeren Stückzahlen nicht einfach verlagern. Denn bei niedrigen Stückzahlen rechnet sich ein separates Werk nicht, und die Modelle lassen sich auch nicht einfach in anderen Fabriken fertigen - nicht jedes Modell kann auf derselben Fertigungslinie produziert werden.
Trotzdem könnte es zu weiteren Produktionsverlagerungen in die USA kommen: Wenn Trump mit seinen Zöllen ernst macht. Denn die Importzölle lassen sich nicht vollständig an die Kunden weitergeben. Schließlich wären die Autos dann so teuer, dass sie sich kaum noch verkaufen ließen.
Selbst wenn nur ein Teil der Zölle bei den Kunden hängen bleiben würde, würden die deutschen Hersteller in den USA weniger verkaufen, da importierte Fahrzeuge dann im Vergleich teurer wären als etwa die Modelle der einheimischen Konkurrenz. Die Zölle wären also eine echte finanzielle Belastung für die Autobauer.
Zahlreiche Arbeitsplätze bedroht
Schon seit Jahren werden Autos aus Kostengründen immer mehr dort produziert, wo sie auch verkauft werden. Während 2011 Bratzel zufolge noch fast sechs Millionen Fahrzeuge in Deutschland gebaut wurden, waren es im vergangenen Jahr noch 4,1 Millionen - ein Rückgang von fast einem Drittel. "Das wird sich auch nicht mehr ändern", stellt Bratzel klar. "Wir haben jetzt schon Überkapazitäten." Werke sind also teilweise nicht ausgelastet, etwa beim Sorgenkind Volkswagen.
Entscheidend sei es nun, die Produktionskapazitäten hierzulande weiter zu reduzieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben. "Wir sind im Wettbewerbsvergleich am Standort Deutschland sehr teuer, und die anderen sind technologisch besser geworden", sagt Bratzel. "Aber wenn wir es nicht schaffen, technologisch an der Spitze zu sein, innovativ zu sein, dann können wir auch nicht teurer sein."
Diese Entwicklung wird auch Arbeitsplätze kosten. Dabei sinkt deren Zahl durch die Elektromobilität ohnehin schon, denn für die Produktion von E-Autos werden aufgrund der viel niedrigeren Anzahl von Bauteilen weniger Mitarbeiter gebraucht. Von den rund 800.000 Arbeitsplätzen der Branche in Deutschland wird nach Bratzels Prognose deshalb ein Fünftel bis zu einem Viertel nicht mehr notwendig sein. Das zeigt sich zurzeit akut bei den Zulieferern, von denen einer nach dem anderen einen Jobabbau verkündet. "Wenn wir es nicht schaffen, technologisch vorn mitzufahren, wird die Zahl sogar noch steigen", warnt Bratzel.
Investitionen in den USA statt Deutschland
Weitere Arbeitsplätze würden die US-Importzölle kosten, wenn Trump seine Drohung wahr macht. Bei Neuinvestitionen würde die Entscheidung der deutschen Autobauer dann noch öfter USA und China lauten. "Das wird in den nächsten 10 bis 15 Jahre keine gute Aussicht werden", befürchtet Bratzel. Bis ein neues Werk etwa in den USA gebaut ist, dauert es drei bis fünf Jahre.
In Mitleidenschaft gezogen würden auch hier die Zulieferer in Deutschland. Die Schwächung des Automobilstandorts Deutschland würde von Trumps Zöllen also massiv befeuert. Zumal er auf Importe aus Mexiko und Kanada bereits höhere Zölle verhängt hat, die nur ausgesetzt sind. Diese würden die deutschen Autobauer ebenfalls betreffen, weil sie ihre Neuwagen zum Teil dort produzieren und von dort in die USA liefern. "Mercedes ist davon betroffen, wenn auch nicht so stark, BMW, Volkswagen und Audi sogar massiv", so Bratzel. Audi beispielsweise hat kein eigenes Werk in den USA, sondern führt seine Autos aus Mexiko und Europa in die USA ein. VW betreibt eine Fabrik in Tennessee, importiert aber vor allem aus Mexiko.
Hoffnung macht das autonome Fahren
Wenn der Autostandort Deutschland weiter an Bedeutung verliert, heißt das allerdings nicht zwingend, dass die deutschen Hersteller noch mehr Stärke einbüßen. Denn sie wandeln sich immer mehr zu globalen Autobauern, die weltweit verkaufen - und eben auch immer mehr weltweit produzieren. Hoffnung hat Bratzel beim nächsten großen Trend der Branche, dem autonomen Fahren.
Gerade Mercedes spiele hier aktuell noch ganz vorne mit, sagt der Experte. "Auch da greifen die Chinesen sehr stark an", warnt er. Momentan sehe es aber nicht schlecht aus, dass sich deutsche Hersteller an der Spitze halten. Der neue Mercedes CLA mit neuem Betriebssystem ist in seinen Augen vielversprechend. "Da muss man jetzt sehen, wie gut das ankommt, wie gut es im Wettbewerbsvergleich ist - davon wird viel abhängen." Der Branchenkenner ist "ganz guter Dinge, dass da ein Aufholprozess funktioniert".
Daneben gibt es einen weiteren Grund zur Hoffnung für die deutschen Hersteller. Während seiner ersten Amtszeit hatte Trump 2018 und 2019 auch schon mit Autozöllen von 25 Prozent gedroht. In Kraft gesetzt wurden sie nicht.
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