Am Sonntag wird gewählt und eines scheint klar: Die Union wird anschließend sehr wahrscheinlich regieren, die Frage ist nur: mit wem? Bastian Gierull wünscht sich eine Zweier-Koalition, die entscheidungsfreudig die hohen Stromkosten angeht. Leider kann sich der Chef von Octopus Energy nicht vorstellen, dass die Energieversorger die Entlastungen anschließend ebenfalls an ihre Kunden weitergeben würden. Das passt nicht zum Geschäftsmodell, sagt er im "Klima-Labor" von ntv. Dass die Energiewende noch scheitert, glaubt Gierull aber nicht: "Die wird nicht mehr von der Politik, sondern von den Verbrauchern getrieben."
ntv.de: Haben Sie einen Tipp, wer als Nächstes regieren wird?
Bastian Gierull: Es läuft stark auf eine schwarze Mehrheit hinaus und dann wäre mein Wunsch eine Zweier-Koalition. Bei einem Dreier-Bündnis bekommen wir nur dieselben Probleme, die wir bei der Ampel hatten.
Und Ihr Wunsch für dieses Zweier-Bündnis wäre was?
Geschwindigkeit und Entscheidungsfreudigkeit. Wir müssen Entscheidungen fällen und umsetzen, auch wenn das Investitionen bedeutet.
Entscheidungsfreudigkeit auch beim Gebäudeenergiegesetz? Das möchte die Union ändern oder sogar abschaffen.
Mich stört das ewige Drumherum-Gerede. Natürlich kann man die Förderung für Wärmepumpen abschaffen oder auch nicht. In der Vergangenheit hat man aber gesehen: Es ist diese Unsicherheit, die Kaufentscheidungen beeinflusst. Selbst Verbraucher, die von einer Wärmepumpe überzeugt sind, verzichten darauf, weil niemand weiß: Wie viel wird wann gefördert?
Es gibt aber auch in der Bevölkerung Widerstand gegen das Gesetz, weil viele Menschen den Eindruck haben, ihnen wird die Wärmepumpe aufgezwungen.
Es gibt viele unterschiedliche Heiz-Optionen, jeder kann sich eine Gasheizung installieren. Aber man sollte nicht den Fehler machen, die heutigen Installationskosten mit den langjährigen Betriebskosten gleichzusetzen, denn bald kommt beim Heizen die CO2-Bepreisung dazu.
Gleichzeitig sind beim Betrieb der Wärmepumpe die hohen Strompreise problematisch.
Die Stromkosten sind generell ein Problem - unabhängig davon, ob ich damit heizen will oder nicht. Das verstehe ich unter Entscheidungsfreude. Ich wünsche mir den Willen, dass man beim Strom die Mehrfachbesteuerung abschafft: die hohen Steuersätze im Vergleich mit anderen europäischen Ländern und die hohe Mehrwertsteuer. Man kann an vielen Stellen schnell etwas machen, um den Strompreis für jeden Einzelnen deutlich zu senken. Das hilft nicht nur Leuten mit einer Wärmepumpe, sondern allen, egal wo und wie sie leben.
Und Sie glauben, die Menschen ziehen bei einer neuen, entscheidungsfreudigen Regierung mit? Wirtschaftsminister Robert Habeck war entscheidungsfreudig, beim Gebäudeenergiegesetz ist ihm aber eine gewisse Übergriffigkeit vorgeworfen worden.
Man kann das sicherlich diskutieren, aber wir haben nicht mehr wahnsinnig viel Zeit und die Energiewende wird auch nicht mehr von Politik, sondern von den Verbrauchern getrieben. Es liegt schon ein bisschen zurück, aber: 2022 haben Verbraucher weltweit fast 700 Milliarden Dollar für Solaranlagen, Batteriespeicher, Wärmepumpen und Elektroautos ausgegeben.
Ziemliche Hausnummer …
Ja. Das war eine 340-prozentige Steigerung zum Vorjahr. Das ist kein Trend, sondern exponentielles Wachstum. Auch bei den E-Autos liegen die Verkaufszahlen Jahr für Jahr über dem, was vorhergesagt wurde. Man muss stets nach oben korrigieren. Das fällt in Deutschland manchmal nicht auf, weil wir im Energiebereich oftmals sehr langsam sind, aber E-Autos werden schrittweise auf unseren Straßen auftauchen. Wenn sie die deutschen Hersteller nicht bauen, tun es die chinesischen. Das große Problem ist: Unser Stromnetz ist nicht darauf vorbereitet. Es gibt Regionen, die sagen, noch ein E-Auto oder noch eine Wärmepumpe schaffen wir nicht mehr. Die Infrastruktur fehlt. Wir versuchen immer noch, den zukünftigen Strommarkt mit Erneuerbaren und Elektrifizierung in das alte System der fossilen Brennstoffenergien zu quetschen.
Und das ändert sich, wenn wir die Strompreise senken? Falls diese Entlastungen von den Energieversorgern überhaupt an die Kunden weitergegeben werden.
Ich befürchte tatsächlich, das wird bei vielen Anbietern nicht passieren. Die fahren abseits der Energiewende ein Anlock- und Abzocksystem: Kunden werden mit viel zu günstigen Tarifen gewonnen und anschließend Jahr für Jahr in teurere geschoben. Das ist für viele Anbieter das Geschäftsmodell. Trotzdem sind niedrige Strompreise ein wichtiger Baustein, um voranzukommen.
Das gelingt auch, wenn die Union das Gebäudeenergiegesetz wie angekündigt zurücknimmt oder ändert? Was sie genau plant, verrät sie ja nicht.
Es kommt darauf an, wo es hingeht. Wir führen viele Gespräche mit Unionspolitikern, um zu verstehen, was geplant ist. Oft wird gesagt, dass man zurück möchte zu dem, was man vorher hatte. Das wäre auch okay.
Wie sah das Gebäudeenergiegesetz denn vorher aus? Die meisten kennen es ja erst, seit es "Heizungsgesetz" getauft wurde.
Im Gebäudeenergiegesetz stand auch vorher schon drin, dass Gas- und Ölheizungen auslaufen sollen. Als die Gaskrise begann, hat Robert Habeck gesagt: Wir machen es schneller. Es wurden also nur die Fristen nach vorn gezogen. Das war in der damaligen Situation nachvollziehbar, aber die Umsetzung war nicht gut. Vielleicht nimmt die Union auch die Förderung von Pelletheizungen wieder auf. Das sind so wenige, das wäre nicht relevant. Das Problem ist: Wir befinden uns in einer polemisch so aufgeladenen Situation und die Union hat versprochen, das Gesetz zu ändern, also muss sie jetzt auch was machen.
Was denn?
Es gibt zwei Szenarien, die wir von der Union hören: Erstens, man geht zurück zur alten Förderung. Die gilt weiterhin auch für die Wärmepumpe. Vielleicht ohne Geschwindigkeitszuschläge, aber immer noch so gut, dass der Einbau sich für Verbraucher lohnt. Das fänden wir sinnvoll. Die andere Möglichkeit ist, dass jegliche Förderung gestrichen und voller Fokus auf fossile Brennstoffe gelegt wird, um erst einmal die Wirtschaft wieder anzukurbeln - so plant es die FDP. Davor sorgt sich die Branche natürlich.
Ironischerweise führt gerade diese Option dazu, dass sich aktuell viele Menschen doch noch eine Wärmepumpe einbauen, aus Sorge, dass es die Förderung bald nicht mehr gibt.
Womit wir wieder bei der unsicheren politischen Lage sind. In einem natürlichen Prozess würden sich Verbraucher die unterschiedlichen Alternativen am Markt anschauen, die heutigen und potenziellen Preise und nach Gesprächen mit Fachleuten für eine Heizlösung entscheiden. Stattdessen haben sie diese Drohkulisse im Nacken und müssen sich eher heute als morgen entscheiden, weil sie nicht wissen, welche Regierungsentscheidung die nächste ist. Das ist ein irrationaler, kein intelligenter Prozess.
Mit Bastian Gierull sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Klima-Labor" anhören.
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